Sanddorn aus Petzow - PNN berichtet

03.11.2015

Von der DDR-Zitrone, veganen Gummibärchen und der Herausforderung eines genießbaren Smoothies: ein Besuch in Petzow.

Werder (Havel) - Extrem sauer und knallorange – der Herbst ist die Zeit des Sanddorns. In Petzow wird die kleine Beere verarbeitet. Seit Langem liegt sie im Trend. Im Petzower Sanddorngarten von Christine Berger wird dieser Trend nicht nur bedient, sondern gelebt und weitervererbt. „Man muss schon eine besondere Affinität zu Lebensmitteln, ihrer Herkunft und der Verearbeitung haben“, sagt die zweite Geschäftsführerin des Familienunternehmens Dorothee Berger.

Sanddorn - die Zitrone der DDR

Angefangen hatte alles in den 1980er Jahren. Der Vater ist Landwirt und beschäftigte sich mit dem Anbau von Sanddorn. „Damals herrschte Mangel an Südfrüchten und Sanddorn ist sehr vitaminreich“, sagt die Tochter. Sanddorn sollte die Zitrone der DDR werden und die Abhängigkeit von teuren Fruchtimporten beenden. Doch die Geschichte überholte die sozialistischen Bestrebungen und nach dem Zusammenbruch der DDR wollte niemand mehr was von Sanddorn wissen, so Berger. Die ursprünglich aus Asien stammende Frucht, die schon Dschingis Khan als Wunderwaffe gegen Entzündungen und Verletzungen bei seinen Reitern und Pferden einsetzte, interessierte beim Überangebot an Südfrüchten plötzlich niemanden mehr. Keine idealen Voraussetzungen, sich ausgerechnet mit Dschingis Khans Geheimnis Anfang der 1990er-Jahre selbständig zu machen.

Die Eltern von Dorothee Berger wagten es trotzdem und übernahmen einen Teil der Anbauflächen aus dem ehemaligen Staatsbetrieb. Mit drei Säften ging es los, erinnert sich Dorothee Berger. Inzwischen reicht die Produktpalette bis zum Gummibärchen, 70 Produkte sind in Supermärkten in der Region und bis hinauf nach Mecklenburg vertreten. „Mittlerweile wächst der Sanddorn bei uns auf 150 Hektar.“ Pro Saison werden bis zu 130 Tonnen geerntet und anschließend verarbeitet. 20 Mitarbeiter beschäftigen die Bergers in Petzow.

Inspiration auf Reisen

Bis vor etwa 20 Jahren war Sanddorn in Deutschland kaum bekannt, entwickelte sich aber schnell zum Trend. Das liegt wohl auch an der großen Produktvielfalt, meint Berger. Dieser Vielfalt geht viel Forschungs- und Entwicklungsarbeit voraus. Denn die Frucht ist im Ursprungszustand äußerst sauer. „Es ist gar nicht so einfach, sich immer wieder neue Produkte auszudenken und sie dann auch zu entwickeln“, sagt Berger. Inspiration holt sie sich vor allem auf Reisen.

Manchen Produkten, die es auch im Hofladen zu kaufen gibt, wird der Kunde die vorangegangene Entwicklungsarbeit kaum ansehen. Die im Trend liegenden Smoothies, die relativ neu im Sortiment sind, waren schwieriger herzustellen, als gedacht. „Wir wussten einfach nicht, wie wir den Smoothie schmackhaft machen konnten“, sagt Berger. „Unsere Vorgabe war, dass in den Smoothies mindestens 20 Prozent Sanddorn stecken sollte, das ist dann schon sehr sauer.“ Die Lösung brachten schließlich beigemischte Datteln und Feigen, die den Geschmack schließlich abrundeten.

Vegane Gummibärchen mit intensivem Geschmack

Die Anforderungen an die Petzower Sanddornproduzenten steigen. Dorothee Berger kommen ihre Universitätsabschlüsse in Betriebswirtschaft und Lebensmitteltechnologie jetzt zugute. „Es gibt viele Vorschriften zu beachten, die mit dem Produkt eigentlich gar nichts mehr zu tun haben“, sagt Berger. So musste etwa ein Konzept erarbeitet werden, das terroristischen Akte auf die gelagerten Produkte verhindert, so Berger. „Das hat dann kaum noch etwas mit der Sanddornproduktion zu tun.“

Zu den bürokratischen Hürden gesellen sich die Bedürfnisse der Kunden. „Wir bemerken, dass unsere Kunden anspruchsvoller geworden sind.“ Bereits vor 15 Jahren wurden die Bergers auf Biomessen gefragt, mit welcher Gelatine ihre Sanddorn-Gummibärchen verarbeitet werden. „Damals war grad die BSE-Krise und wir haben uns natürlich gefreut, sagen zu können, dass wir ausschließlich Gelatine vom Schwein verwenden“, so Berger. Diese Antwort war jedoch nicht zufriedenstellend. Denn schnell mussten sie feststellen, dass es eine große Nachfrage von Veganern gibt. „Es war unheimlich schwierig, unsere Gummibärchen ohne Gelatine herzustellen“, sagt Berger. Nach einigen zerbrochenen Köpfen und schlaflosen Nächten hatten die Bergers es dann doch geschafft. „Und das Kuriose ist, bei den veganen Gummibärchen kommt der Sanddorngeschmack viel intensiver durch“, sagt die Lebensmitteltechnikerin lächelnd.

Auf der Anuga in Köln, die als weltgrößte Ernährungsmittelmesse gilt, haben die Petzower ihre veganen Produkte in den Mittelpunkt gestellt. Welche neuen Sanddorn-Trends in der kommenden Saison aus Petzow kommen werden, ist noch ein Geheimnis. Der Sanddorn-Hugo aus regionalem Holundersirup ist es jedenfalls nicht. Den gibt’s schon.

Quelle: Potsdamer Neueste Nachrichten; www.pnn.de/pm/1019498/

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03.11.2015